„Endlich sind wir angekommen, wo meine Erinnerung Bescheid weiß,“ sagt Marie am Ende des letzten South-Ferry-Tages. Am 17. August 1968 ist die Vergangenheit ihrer Mutter dann auch die eigene, wenn die Rede von beider Ankunft in New York im Jahr 1961 ist. Am 19. August 1968 rasen Johnson und seine Hauptfigur durch die Nachrichten, die in sechs Jahren New York prägend waren, dann brechen Marie und Gesine Cresspahl über Kopenhagen nach Prag auf, wo sie am „Last and Final“-Jahrestag den alten Lehrer Kliefoth treffen.
Ein Wiedersehen (20. August 1968)
Anita Gantlik hat es arrangiert, dass Marie und Gesine Cresspahl auf dem Weg nach Prag in Klampenborg bei Kopenhagen Halt machen. Dort treffen sie nicht die Freundin, sondern einen alten Bekannten. „Der Herr steht auf der Terrasse, geschrumpft, eigenwillig aufrecht, schwarzweiß gekleidet, unter schlohweißen Haaren, mit erhobenen Armen kostet er den Empfang aus, der seine Bewegung verbergen will.“ Es ist Julius Kliefoth, Gesines ehemaliger Lehrer „für Englisch und Anstand“, der in England studiert hat, ihren Studienwunsch unterstützte und bei dem sie im Sommer 1952 das (in ihrer Sicht) dritte Abitur, das gelten soll, abgelegt hat (neben den eigentlichen Prüfungen und dem Prozess gegen Dieter Lockenvitz). Anita hat ihm eine Reisererlaubnis besorgt und ihn an der dänischen Küste „eingemietet für zehn Tage“. Nach Gesines Ausreise hat Jakob Kliefoth fünfmal im Jahr besucht: „Ihr Vater war ein verläßlicher, ein fürsorglicher Mann, verehrtes junges Fräulein Cresspahl.“ In dieser Begegnung fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen, kann Marie von einem anderen als von ihrer Mutter etwas über den Vater erfahren. Ausgerechnet bei Kliefoth, der bereits Vorkehrungen für seinen Tod getroffen hat, hinterlässt Gesine die 1875 Seiten Aufzeichnungen „wie es uns ergeht“. Beim Abschied bittet Kliefoth Marie
„– Will you take care of my friend who is your mother and Mrs. Cresspahl?“
– Ich verspreche es, Herr Kliefoth. Meine Mutter und ich, wir sind befreundet.“
Gesine Cresspahl verspricht ihm, nach der Ankunft in Prag anzurufen. Wie Norbert Mecklenburg im Nachwort zum Romanfragment „Heute Neunzig Jahr“ anmerkt, lässt Johnson die Leser*innen vollkommen im Unklaren darüber, was mit Marie und Gesine Cresspahl passieren wird, wenn sie gleichzeitig mit den Truppen des Warschauer Paktes in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 in Prag ankommen. Ihre Geschichte wird nicht weitererzählt, sie endet an einem Strand in Dänemark.
Literatur
Norbert Mecklenburg, Nachwort zu: Uwe Johnson. Heute Neunzig Jahr, Frankfurt am Main 1996, S. 129-142.